Wir alle bewegen uns mehr und mehr in einem medial dominierten Umfeld, immer mehr politische Abläufe sind über diverse Formen medial verfolgbar beziehungsweise laufen über diese ab. Dennoch, so meine Annahme, folgt unsere Ausbildungswelt nicht im gleichen Tempo dieser Entwicklung. In Schulen und auch auf Universitäten (zumindest auf der Universität Graz, an der ich studierte) gibt es diese Auseinandersetzung nicht. Zwar steht in unseren (Rahmen-) Lehrplänen wiederholt das schöne Wort „Medienkompetenz“, es wird jedoch darunter oft nur der korrekte Einsatz einer PowerPoint-Folie oder die Produktion eines Videos verstanden. Oder generell als das Einsetzen von verschiedener Medienarten wie Karten, Filmen oder Audiofiles im Unterricht.

Diese Diskussion erfolgt angesichts der Tatsache, dass sich immer noch viele Lehrer und Schulen dem Internet partiell verweigern. Das beginnt schon in der Ablehnung von WLAN und Smartphones in Klassenzimmern und setzt sich bei weiteren digitalen Themen fort, wie auch die ZEIT in ihrer aktuellen Ausgabe feststellte. Die Schule soll die SchülerInnen auf die Welt von morgen vorbereiten, wagt sich aber oft nicht an die Mittel der Gegenwart.

Aufgrund meiner Profession sehe ich diese Medienkompetenz jedoch anders definiert als im bereits genannten klassischen Zugang, nämlich als Spezialisierung beziehungsweise Erweiterung der politischen Bildung: Menschen sollen dazu befähigt werden, ihre mediale Umwelt zu verstehen und somit nicht jeden Mist, der einem aufgetischt wird, unreflektiert zu glauben.

Das vergangene Wochenende führte dem aufmerksamen Medienmenschen wieder einmal vor Augen, wie in Österreich Dinge bestellt sind. Zeitgleich lieferte die folgende Episode des politisch-medialen Alltags ein perfektes Beispiel dafür ab, wieso wir in Österreich eine neue Form der Medienbildung auf allen Ebenen, von der Schule über die Universitäten bis hin zu den Erwachsenen, brauchen.

Daher schreibe ich einfach die für mich brennendsten Fragen und Ansätze zu diesem Thema aufnotiert und grob zusammengefasst, mehr oder weniger lose.

(Mir ist durchaus bewusst, dass für viele Medienprofis diese Dinge banal sind, für gut 90% der Bevölkerung nicht. Aber genau die müssen hiermit erreicht werden. Deshalb freue ich mich sehr über weitere Anregungen, Anmerkungen, Kritik usw. )

Der Fall

Der Chef der mächtigsten Oppositionspartei nutzt seinen Facebook-Account, um ein aus journalistischer Sicht fragwürdiges Video, verfügbar auf der größten Tageszeitung des Landes, mit seinen 423.268 Follower (Stand 19.10.2016) zu teilen. Die darauffolgenden Postings, die hier aus bekannten Gründen nicht weiter zitiert werden müssen, werden Großteils sehr lange unkommentiert belassen, außer es handelt sich um Kritik an der Vorgangsweise der Moderation beziehungsweise des Seitenbetreibers. Diese Kommentare werden von zahlreichen UserInnen und JournalistInnen via Screenshot festgehalten und das gesamte Wochenende über auf Facebook und vor allem Twitter geteilt und diskutiert, worauf die Causa am Montag in mehreren Zeitungen und Rundfunksendungen ein größeres Thema ist. Ein Lehrstück in Medienwirkung, dass sich lohnt, zerlegt zu werden und an dem gezeigt werden kann, welche Fragen und Themen in einer solchen Medienbildung behandelt werden könnten.

Die Ebenen

    1. Die Social-Media-Politische Kommunikations-Ebene
    2. Medienethische Diskussion
    3. Dimensionen der Meinungsfreiheit
    4. Medienlogik
    5. Facebook selbst als Medium

Die Social-Media-Politische-Kommunikation-Ebene

Immer mehr politische Diskurse laufen auf Sozialen Medien oder generell im Internet ab: Kanzler erklären auf Facebook ihre Positionen oder inszenieren sich auf Instagram. Außenminister stellen ihre aktuelle Arbeitswoche per Video vor. Oppositionelle Politiker machen auf Twitter Werbung für ihre Themen. Vieles davon ist natürlich politisch gefärbt und ohne Journalisten-Filter. Warum glauben Menschen einem H.C. Strache oder Michel Reimon mehr als sie vielen Journalistinnen glauben? Wieso glaubt man den YouTube Video oder dem Blog mehr als einem Experten oder klassischen Medium? Daraus leiten sich eine weitere Frage ab:  Wieso ausgerechnet jene, die oftmals laut und freudig aufschreien, wenn Medien Fehler machen, gleichzeitig vollkommen unkritisch demgegenüber sind, was sie von PolitikerInnen auf Facebook und/oder Twitter erzählt bekommen. Und, in Zeiten von Terrorwarnungen und Breaking News: Wie kann ich im Internet Falschmeldungen oder Propaganda als ebensolche solche enttarnen?

Daraus folgt eine bereits aus der Geschichte bekannte Quellenkritik, die sich auch problemlos in eine Medienkritik übersetzten lässt: Wie bewertet man im Internet und auf sozialen Medien den Unterschied zwischen Meinung und Artikel? Wie erkenne ich selbst ohne große Sachkenntnisse den Unterschied zwischen Meinung, Propaganda und Artikel?

Medienethnische Ebene

Dieser Fall bietet sich aber auch perfekt dafür an, um über Fragen der Medienethik zu diskutieren: Was dürfen Medien, Wo gehen sie zu weit? Ist die Veröffentlichung eines Videos, das einen Selbstmordversuch zeigt, wirklich notwendig? Welche Instanzen sind dafür wie zuständig? Das alles sind Fragen, die sich im Gebiet zwischen Medienethik und Medienrecht bewegen und dementsprechend diskutiert werden sollten.

Ebene der Meinungsfreiheit

Anhand der Vorgangsweise von FPÖ-Chef Strache lässt sich auch sehr gut der Begriff der Meinungsfreiheit in sozialen Netzwerken debattieren. Ist die Moderation auf seiner Seite wirklich dazu verpflichtet, jede kritische Meinung, die ihr nicht passt, dort stehen zu lassen? Oder ist es eine Form von Zensur, ungeliebte, weil opportune Posts von seiner Seite zu löschen? Und wo geht Meinung in Strafrecht über? Welche Regeln gelten auf solchen Foren wie es die Facebook-Seiten von Strache und Armin Wolf sind? Und wer bestimmt diese?

Wie funktioniert Medienlogik

Wie kommt so ein Thema über die sozialen Medien auf die Agenda der klassischen Medien? Funktionieren Journalistinnen hier nach wie vor als Gatekeeper und setzen so Geschichten für die Schlagzeilen fest?

Die Rolle von Facebook als Medium

Aus all diesen Fragestellungen leitet sich natürlich eine zentrale Frage ab: Wie behandelt man hier Facebook? Dazu gab es am Wochenende natürlich zahlreiche Diskussionen, die es auch wert sind, abseits der Profizirkel geführt zu werden. Natürlich ist es ein Medium, genießt aber offensichtlich einen Sonderstatus gegenüber klassischen Medien.