Der britische Historiker Ian Kershaw bearbeitet in seinem Werk Das Ende die spannende Frage, warum die Deutschen bereit waren, Hitler bis zum bitteren Ende zu folgen.

Wieso konnte sich die Macht der Nazis auch in jenen Jahren so beständig halten, als der Krieg offenkundig nicht mehr zu gewinnen war? Welche Umstände ermöglichten den bedingungslosen Rückhalt in der Bevölkerung für Hitler und die NSDAP, als bereits deutsche Städte unter Feuer standen und von der Front nur noch schlechte Nachrichten kamen? Diesen bisher in der historischen Fachwissenschaft wenig untersuchten Fragen versucht der renommierte britische Historiker Ian Kershaw in seinem Buch mit dem vielsagenden Titel „Das Ende – Kampf bis in den Untergang – NS-Deutschland 1944/45“ auf den Grund zu gehen. Kershaw, einem erweiterten Fachpublikum bekannt durch eine umfangreiche publizistische Tätigkeit zum Themenkomplex Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg, erwarb sich nicht zuletzt durch seine hervorragenden Hitlerbiografien (in zwei Bänden: Hitler 1889-1936; Hitler 1936-1945) einen Ruf als brillanter Erzähler komplexer Sachverhalte. Sein neuestes, 702 Seiten umfassendes Werk erschien im November 2011, die deutsche Übersetzung von Klaus Binder, Bernd Leineweber und Martin Pfeiffer erschien im DVA-Sachbuch Verlag (München).

Um eine Antwort auf die drängende Frage, warum das NS-Deutschland bis zum bitteren Ende weiterkämpfte, zu bekommen, versucht Kershaw einen ungewöhnlichen Zugang. Er verlässt die bekannten Wege der Zeitgeschichtsschreibung und wählt einen neuen Zugang abseits der sich an Zahlen und Schlachten orientierenden herkömmlichen Kriegsgeschichte. Auf seiner Suche bedient sich Kershaw dem Mittel der Mentalitätsgeschichte und wirft dabei einen Blick in das Innenleben des NS-Systems, auf das Handeln der Eliten von Partei und Regime sowie auf die Reaktion des Volkes, soweit dies durch die verfügbaren Quellen möglich ist.

Spätestens im Jahr 1944 war den meisten Deutschen, außer jenen, die es konsequent nicht wahrhaben wollten, klar, dass der Krieg für Deutschland nicht zu gewinnen sein wird. Die Übermacht sowohl der Alliierten im Westen als auch der Roten Armee im Osten war erdrückend, seit der Schlacht von Stalingrad war die Wehrmacht quasi ständig in der Defensive. Dennoch funktionierten im Inneren Deutschlands die Strukturen weiterhin, Post, Medien und Verwaltung arbeiteten ebenso zuverlässig wie die Industrie, die einerseits durch die Bombardierung beeinträchtigt war und andererseits durch Goebbels „Totale Kriegs“- Ideologie auf Arbeitskräfte verzichten musste. Die Bevölkerung aber, so Kershaw, stand weitestgehend hinter dem NS-Regime und Hitler, auch wenn die Sympathien dafür durchaus gelitten hatten. Auch in der Elite der Partei, in der Generalität und der Führung des Reiches war die Loyalität zu Hitler groß, trotz zahlreicher militärischer Fehlentscheidungen des Führers.

Besonders im „Quadrumvirat“, bestehend aus Heinrich Himmler (Reichsführer der SS/Chef der deutschen Polizei); Joseph Goebbels (Reichspropagandaminister/ Reichskulturminister) ; Martin Bormann (Leiter der Reichskanzler der NSDAP) und Albert Speer (Architekt; Reichsminister für Bewaffnung und Munition), war die Loyalität zu Hitler laut Kershaw zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt, schließlich besaßen sie alle ihre Macht nur durch seine Macht. Hitlers Abgang hätte also auch ihren eigenen Untergang bedeutet. So konkurrierten diese vier Akteure in wechselnden Konstellationen um die Gunst Hitlers, sowie auch um eine Ausweitung ihrer Kompetenzen. Phasenweise erinnert die Beschreibung an Kinder, die um die Gunst des Vaters buhlen. Aber eben dieses Abhängigkeitsverhältnis zieht sich weiter bis in die Ebene der Gauleiter und ist, der Schlussfolgerung des Autors folgend, einer der entscheidenden Gründe für den langen Fortbestand des Systems. Selbst in jenen Momenten wirkte diese Machtarchitektur noch, als Hitlers Charisma bei der Bevölkerung verflogen war, was spätestens im Jahr 1944 der Fall war. Aber die charismatische Herrschaft Hitlers, in Verbindung mit diesem Abhängigkeitskomplex, machten es den Menschen unmöglich an eine Zukunft ohne Hitler zu denken. Loyalität und Gehorsam waren im gesamten Apparat  zugegen, ein Ausscheren gab es faktisch nicht.

Und doch zählt in Kershaws in chronologischer Reihenfolge gehaltener Abhandlung ein Moment der Illoyalität zu den wichtigsten Eckdaten der Jahre 44/45, nämlich das Stauffenberg Attentat vom 20. Juli 1944.  Dieser gescheiterte Putsch, ausgehend von Vertretern des Ersatzheeres, hatte mehrere, nicht auf den ersten Blick ersichtliche Reaktionen zur Folge. Die Unterstützung für dieses Attentat war in keiner Schicht der deutschen Gesellschaft  gegeben. Kershaw beschreibt hier eindrücklich, wie es nach dem Bekanntwerden der Unversehrtheit Hitlers zu spontanen, nicht organisierten Freudenausbrüchen im ganzen Reich kam, dass Spenden für den Führer in großer Zahl einlangten und eine Welle der Solidarität für den Führer durchs Land ging. Im Zuge dieser Entwicklung radikalisierte sich die NSDAP noch weiter, defätistische Meinungen bzw. Aussagen wurden mit  dem Tod bestraft. Ein Radikalität, die noch bis in die letzten Tage des Krieges auch in den kleinsten Ebenen des Reiches beibehalten wurde. Beispielhaft dafür steht die schon in der Einleitung des Buches erzählte Geschichte des 19 Jährigen Studenten Robert Limpert, der in den allerletzten Stunden des Krieges gehängt wurde. Er hatte Flugblätter in seiner Heimatstadt verteilt, die zur Kapitulation aufriefen und vor einer sinnlosen Zerstörung seiner Heimat warnten. Keiner der anwesenden Bewohner oder Beamten der Stadt empfand es für notwendig einzuschreiten. Mit derartigen Geschichten untermauert der britische Zeithistoriker seine Ausführungen und schafft so einen Einblick in die letzten Jahre des Regimes sowie in die Zustände in den Gauen. Es sind ebendiese Geschichten, die den Leser erschauern und erschrecken lassen, es sind jene Momente, in denen Kershaws Erzählkunst jenes Unbehagen hervorruft, das einen nachdenklich macht, ob das Gelesene wohl stimme. Dennoch gleitet der Erzählfluss niemals ins Banale oder Sentimental-Überemotionale ab, das Sachliche steht immer im Vordergrund. Generell lässt sich festhalten, „Das Ende“ für ein Sachbuch eine ausgesprochen hohe Wissenschaftlichkeit aufweist. So manchen Leser mag schon alleine der Umfang des Buches von knapp 700 Seiten einschüchtern und noch weniger Leser werden den 150 Seiten (!) Quellenangabe etwas abgewinnen können, aber für die passionierten (Laien-) Historiker offenbart sich ein reichhaltiger Fundus an weiterführendem Material. Auf jeden Fall steht es außer Frage, dass hier mit hoher wissenschaftlicher Sorgfalt vorgegangen und der Versuch unternommen wurde, auf Basis der verfügbaren Quellen ein fundiertes analytisches Meinungspanorama zu erstellen. Allerdings stößt er hier auch an seine Grenzen bzw. ist dem Scheitern an seinen eigenen Ansprüchen sehr nahe. Es ist zweifelsohne äußerst schwierig, an entsprechend vielsagendes Quellenmaterial aus dieser Zeit zu kommen, da vieles wegen der Selbstzensur aus Angst vor der NS-Obrigkeit nicht geschrieben wurde, beispielsweise ist es unwahrscheinlich, dass in Frontbriefen explizite Kritik an Partei und Führer geübt wurde, wenn gleich ihr Grundton laut dem vorliegenden Werk in den erwähnten beiden Jahren logischerweise immer negativer wurde. Interessant wäre diesbezüglich ein Fokus auf die Meinung der Frauen, die ja in dieser Zeit die Bevölkerungsmehrheit stellten, da die Männer großteils an der Front waren.

In der Bevölkerung fanden sich aber sehr krude Erklärungsmodelle für den Verlauf des Krieges. Zitate wie „Wir lassen den Feind in unser Land, um ihn noch effektiver vernichten zu können“ sowie „Der Führer hat die neue Wunderwaffe, die uns den Sieg bringen wird, schon lange bereit und wiegt den Feind nur in falscher Sicherheit“ zeugen von der Wirksamkeit der Propagandamaschinerie von Joseph Goebbels (der allerdings in seiner Bestrebung den „totalen Krieg“ in letzter Konsequenz durchzusetzen, scheiterte) und sind mitunter auch Gründe für die Stabilität des Systems. Letztlich fußte diese Stabilität neben anderen auf zwei irrationalen Ängsten der Deutschen: die genannten Zitate sind Schlussfolgerungen dieser Phobien. Als ersten Grund nennt Kershaw die historisch begründete Angst vor der Wiederholung der, aus deutscher Sicht katastrophalen, Kapitulation 1918; diese sollte um jeden Preis vermieden werden. So wurde der Anschlag auf Hitler 1944 mit der „Dolchstoss“- Legende gleichgesetzt und auch weitläufig so wahrgenommen.  Der zweite Grund für den Erhalt des Systems war die Tatsache, dass die Deutschen das Gedankengut der NSDAP derart inhaliert hatten, dass viele der Meinung waren „nur Hitler könne uns vor dem Bolschewismus beschützen“ und kein anderer. Auch hier griff das totalitäre NS-System perfekt in den Köpfen der Menschen, ohne Hitler sahen sie keinen Ausweg und keine deutsche Zukunft. Die Propaganda nutze diesen Umstand und überhöhte die Verbrechen der Roten Armee im Osten, um diese Angst zum Machterhalt zu nutzen.

Ian Kershaw versteht es mustergültig dem Leser eine historisch hochkomplexe und schwierige Materie so zu erzählen, dass Spannung und Interesse erweckt werden, ohne sich dabei aber in allzu seichte Gefilde zu begeben. Scheinbar ist es eine Qualität der englischsprachigen Historiker, Geschichte auch wirklich erzählen zu können. „Das Ende“ fesselt auf seinen 700 Seiten von Beginn an, auch wenn es oftmals den eigenen Anspruch, eine Mentalitätsgeschichte zu sein, enttäuscht und sich zu einer spannend geschriebenen Militärgeschichte des innersten Zirkels der Macht wandelt. Das tut aber der Tatsache keinen Abbruch, dass Ian Kershaw eines der besten, innovativsten und spannendsten, kurz lesenswertesten Bücher zu diesem Aspekt der NS- Zeit verfasst hat.