Nach der Wahl ist vor der Wahl. Die Gemeinderatswahlen 2015 (#grw15) in Kärnten sind Geschichte und auch im Bereich Social Media wurde wahlgekämpft.  Alle  Mandate sowie ein Großteil der BürgermeisterInnenposten sind vergeben. In der Landeshauptstadt Klagenfurt kommt es noch zum vielbeachteten Duell zwischen Christian Scheider und Maria-Luise Mathiaschitz. Ein Duell aufgeladen durch den inflationären Gebrauch von “sozialistisch” und “bürgerlich” als politische Attribute. Allerdings ist Klagenfurt aktuell weder die Bastion der Bürgerlichkeit noch wird sie in Zukunft von sozialistischen KlassenkämpfernInnen überrannt werden.

Die Kleine Zeitung, immerhin Kärntens reichweitenstärkstes Blatt, lud am Wahlabend zum Live Stream Gespräch mit Politikexperten und führenden Redakteuren. Ergänzt wurden sie vom Social Media Experten Ed Wohlfahrt, der (etwas planlos) feststellte, dass Social Media auf dieser kommunalen Ebene keine Bedeutung habe. Eine gewagte These.

Bürgermeister und Gemeinderatswahlen sind in erster Linie Persönlichkeitswahlen. Ideologien und große, globale politische Konzepte wie etwa der Sozialismus spielen bei der Wahlentscheidung keine entscheidende Rolle. Zentral ist das persönliche Element, die Sympathie oder die Bekanntschaft mit dem Gemeinderat beziehungsweise Spitzenkandidaten. Ein aktuelles Beispiel: Der Grüne Spitzenkandidat Frank Frey war scheinbar vielen in der breiten Bevölkerung (und wohl auch in seiner Partei)  unsympathisch, daher erreichte er persönlich auch nur etwas mehr als die Hälfte (8%) der Stimmen der grünen Stadtpartei. Ein Ergebnis, das, trotz aktiver und durchaus persönlicher Facebook Nutzung, zu denken geben sollte.

Das schwache Abschneiden des ÖVP Spitzenkandidaten Otto Umlauft liegt wohl auch an dessen geringer Bekanntheit. Für einen Quereinsteiger blieb Umlauft (zu) lange untätig und unauffällig. Es reicht als Spitzenkandidat nicht bei den Stadtrichtern und diversen Vereinen aktiv zu sein.

Valide Daten zur Nutzung von Social Media in  Städten wie Klagenfurt lassen sich nur schwer finden, nichtsdestotrotz wäre gerade in den Stadtgemeinden das Potenzial für politische Nutzung durchaus vorhanden. Dort, wo es darum geht eher Personen als Parteiprogramme zu wählen, bieten soziale Medien geeignete Selbstdarstellungsmöglichkeiten.

Die Kandidaten in Social Media

Dazu muss man allerdings über den Klagenfurter Tellerrand blicken und zum oft geschmähten Nachbarn Villach schauen. Andreas Sucher (Villach SPÖ) macht es zumindest auf Facebook vor, wie ein persönlich angelegter Wahlkampf in sozialen Medien funktionieren kann. Persönliche Einträge, Selfies von Hausbesuchen und Backstage-Fotos von Wahlkampfauftritten wirken natürlicher als die reine Durchschaltung von Pressemeldungen und Fotos in diversen Diensten. Aber auch Maria-Luise Mathiaschitz, SPÖ Spitzenkandidatin für Klagenfurt, versucht hier ähnlich aufzutreten und obwohl sie den Facebook Auftritt zumindest eine Spur persönlicher gestaltet, bleibt sie dennoch oft auf der Pressematerial- Ebene stecken.

Der amtierende Bürgermeister von Klagenfurt, Christian Scheider, spiegelt zwar auch diverse Pressematerialen auf seinem Facebook Profil, aber er durchmischt seine Timeline mit privaten Hundeselfies (eine seltsame Klagenfurter Wahlkampf Marotte). Wohl auch durchdenAmtsinhaberbonus bringt es Scheider auf 7.700 LikesaufFacebook, die Spitzenposition unter den Kandidaten.

Bis auf C. Scheider verwenden alle Kandidaten Profile, Scheider nutzt eine FB Page| Create infographics

Viele Freunde/ Follower zu haben bedeutet allerdings wenig, da nur ein Teil davon tatsächlich potenzielle Wähler in der entsprechenden Gemeinde sind. Aber es besteht dennoch ein Multiplikatoren Potenzial für entsprechend aufbereitete politische Botschaften.

Scheider ist auch der Kandidat, der (beziehungsweise dessen Team) die meisten sozialen Netzwerke bedient. So bespielt sein Team Instagram, Pinterest, Twitter und Youtube, wenngleich er dort auch nicht viel Reichweite generiert (Twitter: 260 Follower /153 Tweets – Instagram 410 Follower/53 Beiträge). Böse Zungen würden anmerken, dass Scheider auch genügend Geld für Repräsentation aufwenden kann.

Facebook Profil Christian Scheider Screenshot Social Media

Facebook Profil Christian Scheider Screenshot

Beim Einsatz von Social Media verhält es sich wie mit der Methodenwahl im Unterricht: Man muss sich die paar Aussuchen, die am besten zu einem beziehungsweise dem Inhalt passen und dann dem Steve Jobs Credo “Lieber etwas gut  als vieles scheisse machen” folgend diese Auswahl treffend bedienen. Ist ein aktiver Twitter Account in einer Kleinstadt wirklich notwendig um sein Zielpublikum zu erreichen? Oder erreiche ich mehr Effekt über visuelle Dienste wie Instagram oder Pinterest? Macht eventuell ein eigener WhatsApp Channel mehr Sinn als Twitter? Kann ich Modernität ausstrahlen, indem in Snapchat in meine politische Kommunikation integriere?

Als amtierender Bürgermeister hat Scheider natürlich Vorteile gegenüber seinen Mitbewerbern, da er sich weitaus mehr inszenieren kann. Aber auch andere Spitzenkandidaten könnten beispielsweise Pinterest nutzen um beispielsweise ihre Vision für Klagenfurt darzustellen. Sofern sie welche haben. Oder sie nutzen Instagram für einen Blick hinter die Kulissen des Wahlkampfes oder gezielt privaten Content. Leider schwingt bei vielen Politikern immer noch die Angst mit, mit privaten Aussagen oder Übertreibungen in ein polit-mediales Fettnäpfchen zu treten wie zum Beispiel Martin Sadnek, FPÖ Neuhaus mit einem Anti- GAK Posting auf Facebook. Eine reale, aber unbegründete Angst, etwas Persönlichkeit verleiht dem professionalisierten Politiker mehr Farbe und Kontur. Ausrutscher und Ungenauigkeiten können und sollen auch passieren können.

Die Parteien die Social Media

Die Grünen auf Facebook

Beispiel für durchdachtes Corporate Design in Social Media

Für Parteien ist es mittlerweile schon Usus auf sozialen Netzwerken vertreten zu sein, eine Facebook Seite ist dabei Pflicht. Es mutet daher im Jahr 2015 befremdlich an, dass einige Parteien kein Corporate Design beziehungsweise Identity  für die Nutzung sozialer Netzwerke haben. So findet man beispielsweise die ÖVP Klagenfurt auf Facebook unter Klagenfurter Volkspartei, während sich die SPÖ hinter Klagenfurt kann mehr. versteckt. Die Grünen agieren hier weitaus professioneller, sie ziehen das (von der Parteizentrale) vorgegebene Design bis auf die Gemeindeebene durch. Trotz der durchgehenden Designssprache haben die Kandidaten noch immer genügend Freiraum um sich als Persönlichkeiten abseits des politischen Betriebs zu präsentieren.

NEOS sowie Bürgerallianz sparen sich den Auftritt gleich und lassen die Spitzenkandidaten mit ihren privaten Profilen als Einzelkämpfer agieren. Die NEOS fielen lediglich durch eine fragwürdige Selfie-Wahlkabinen-Aktion (#tuwas) auf, die ihr die FPÖ dann nachahmte (#diesmalFPÖ). Beides klare versuche über Unique Hashtags in Social Media Aufmerksamkeit zu generieren.

Kann Social Media auch Gemeinderatswahl?

Ja kann es, man muss nur wissen wie. Pressematerial  und Jubelposts durchschalten ist noch keine wirklich gelungene Kampagne, Social Media lebt von Interaktion und Diskurs mit den Empfängern sowie den kleinen Fehlern, die immer wieder passieren können. Sie zeigen Nähe und rücken den Politiker/die Politikerin näher an den Wähler. Die zentrale Frage bleibt dennoch: Welches Netzwerk für welchen Zweck und welchen Kandidaten?